Freitag, 28. August 2015

Mehr Dankbarkeit, bitte.

Eines der dramatischen Fotos, die dieser Tage die Runde machen, zeigt einen panischen Mann mit zwei Kindern, ein kleines auf dem Arm, ein anderes eng an sich gepresst. Und im Text dazu schreibt einer, dass er nie solche Angst um das Leben seiner Kinder empfinden wolle, wie man es im Gesicht dieses Mannes lesen könne.
So muss doch jeder empfinden. Zumindest wohl jeder Mensch, der kein Soziopath ist. Wie können Heidenau und Freital geschehen, was bloß läuft bei diesen Leuten schief...!

Für den folgenden Satz habe ich schon oft verständnislose Blicke geerntet: "Ich bin dankbar, dass ich bisher keinen Krieg in meinem Heimatland erleben musste, aber ich bin nicht sicher, dass das bis zu meinem Tod so bleibt." Ich habe Angst vor Krieg, sogar eine Scheiß-Angst. Meine Eltern waren schon nicht mehr ganz jung, als ich zur Welt kam, und sie haben beide einen Krieg erlebt. Meine Großmutter sogar die Auswirkungen von zweien. Anders als eine Menge Gleichaltriger und die meisten Jüngeren kenne ich Geschichten von Angst, Hunger und Kälte aus erster Hand. Angst vorm Verschüttet werden, wie es ist, vom Fliegeralarm geweckt zu werden, ein Schulweg vorbei an Bombentrichtern, Trümmern und Leichenteilen. Die Traumata, die ein Krieg verursachen kann, belasten ein Leben lang.

Auch deshalb bin ich ohne Wenn und Aber dafür, die Menschen hier mit offenen Armen aufzunehmen, die aus Kriegsgebieten flüchten und kaum mehr als ihr nacktes Leben retten konnten.

Kriege machen Menschen, die selbst nicht darunter leiden, weil sie in privilegierten Machtpositionen sind, aus denen sie in sichere Bunker oder ebensolche Drittländer verschwinden können.
Aber diejenigen, die alles hinter sich lassen müssen, verzweifelt auf irgendwelchen Seelenverkäufern das Mittelmeer oder in tage-, ja wochenlangen Fußmärschen die grünen Grenzen überqueren, die können nichts dafür und haben sich das nicht ausgesucht.
Sie brauchen Frieden und ein Zuhause.

Wir müssen und können helfen. Wir leben in einem wirtschaftlich starken Land und sollten uns jeden Tag über den Frieden hier freuen. Mehr Freude, mehr Dankbarkeit für unsere Privilegien. Und weniger Angst vor den "Fremden". Das wäre schön. Vielleicht hält der Frieden etwas länger, wenn es insgesamt irgendwie weniger Angst in der Welt gibt.

Samstag, 13. Juni 2015

Tapfer am Arsch.

"Krebs ist scheiße"
Wenn jemand im Umfeld eine schlimme Nachricht bekommt - ob das nun Krebs ist, eine andere Scheiß-Krankheit, der Tod eines Angehörigen - dann ist Schweigen auch scheiße. Schweigen ist ganz häufig ein Zeichen von Hilflosigkeit und Angst, ja, das weiß ich auch. Angst, was falsch zu machen oder was blödes zu sagen. 
Und tatsächlich: das meiste, was man sagen kann, ist total blöd. Aber gar nichts sagen fühlt sich an wie eine Mischung aus unsichtbar oder schon (selbst) tot sein.

Sozusagen "zum Glück" habe ich das aus der Nähe erlebt, bevor ich mich direkt damit auseinandersetzen musste. Meine damals allerbeste, liebste Freundin D. hatte auf einmal dieses Hühnerei-große Ding in der Brust. Und dann kurz darauf keine Brust mehr. Dazu konnte ich nicht ansatzweise was Intelligentes, Tröstliches oder Hilfreiches sagen. Es kann aber schon ziemlich ok sein, wenn man genau das zugibt. 

Krebs (wie wahrscheinlich auch andere üble Krankheiten) zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Einfach so. Da ist nichts mehr wie vorher. Wut. Die Frage, hätt' ich was anders machen können - weniger dies, mehr das, vor allem mehr jenes! - man dreht sich eine Weile im Kreis.
Werde ich daran sterben.
Wann werde ich sterben.
Wie werde ich sterben.
Wie ist das so, das Totsein.
Das sind grundsätzliche existentielle Fragen, die normalerweise irgendwie im Hintergrund immer mitschwingen (zumindest bei den reflektierteren Existenzen unter uns), aber sie nehmen selten allen verfügbaren Raum ein. Krebs macht das irgendwie unmittelbarer. Da gibt's auf einmal kein Entrinnen mehr, Du kommst da nicht mehr raus aus der Nummer.
Du stehst vor einer Felswand, die irgendwo oben in den Wolken verschwindet. Und dann ist da nix, kein Vorbei und kein Zurück.

Meine alte Freundin T - nach über 20 Jahren wiedergetroffen, mich wie bekloppt gefreut - wird wahrscheinlich an diesem Dreck sterben, möglicherweise sogar ziemlich bald. Sie ist müde, weil der Krebs nach vielen Jahren ganz unerwartet und so heftig zurück gekommen ist.
Und ich bin wütend, ich möchte dem Krebs in den Arsch treten. Aber das geht nicht. Ich weine, aber ich versuche, das mit mir und nicht mit ihr abzumachen. Denn die Tränen helfen ihr nicht, und kaum etwas ist beschissener, als die anderen trösten zu müssen, wenn du eigentlich selber dran bist.
Totsein dauert so verdammt lange, da sollte man doch die verbleibende Zeit LEBEN mit Leben füllen. Ist nur nicht so ganz einfach, wenn man vor dieser unendlichen Felswand steht.

Es ist vielleicht schon eine ganz gute Idee, da niemanden allein stehen zu lassen. Lasst euch anschreien, lasst euch beschimpfen, ruft auch das 10. Mal noch an, wenn keiner rangeht. Redet Blödsinn, egal. Aber denkt daran, wen ihr vor euch habt. Engelsbildchen, sinnlose Sinnsprüche, angebliche Wunderheiler, speziell gefiltertes Kristallwasser und sonstiger Scheiß: die meisten Leute finden sowas daneben. Wenn euch das was gibt, tut der Welt einen Gefallen und behaltet es für euch.

Ich muss auch meiner Wut auf die Pressekollegen mal kurz freien Lauf lassen. Wenn sie mal wieder irgendeine Promi-Else loben, wie "tapfer sie dem Brustkrebs die Stirn bietet" oder ähnlicher Scheiß. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass jede/r Betroffene gar keine Wahl hat. Der Krebs wählt dich, nicht umgekehrt. Und dann musst du da durch. Irgendwie. Und tapfer ist dabei eigentlich keine/r. Du stellst dich einem Kampf, den du dir nicht ausgesucht hast, sondern musst halt. Irgendwie weitermachen, in der Hoffnung, wieder gesund zu werden oder wenigstens weiter zu leben.
Tapfer ist da niemand. Tapfer am Arsch.

Freitag, 4. Juli 2014

Die unerträgliche Niedlichkeit des Seins.


Ende 2013 bin ich auf den Hund gekommen. Oh ja, ich plane fest, mit blöden Phrasen und Stereotypen um mich zu werfen, wenn es sich einrichten lässt. Das scheint unvermeidlich, wenn man einen Hund hat.


Also. Im Dezember 2013 habe ich mir einen Köter angeschafft. Das ist eine lebensverändernde Entscheidung, über die ich definitiv nicht lange genug nachgedacht habe. Ich wollte nie einen Hund. Die riechen schlecht, und man muss ständig "Gassi" gehen. Und Kackbeutel in der Jackentasche haben, stinkendes Futter ertragen und die ganze Zeit dem Vieh hinterher putzen. ÄTZ-END. Und, was soll ich sagen: ziemlich genauso isses.


Trotzdem hab ich jetzt das Viech am Hals, Henry den Hund. Wie meine Zweitmutter (also die von meinem Bruder) sich nicht beruhigen kann, er heißt wie "der beste Freund deines Vaters". Tatsächlich ging mir das auch durch den Kopf, als ich ihm den Namen gab. Aber alles andere, wie Köter, Knöpfchen, Button, Pico,... fand ich auch irgendwie blöd. Also Henry. Wie der nette ältere Herr, der irgendwann mal aus Kanada zu Besuch kam und auf der sonnenbeschienenen Terrasse vom Leben nach der Auswanderung geschwärmt hatte. Vielleicht ist es die freundliche Ausstrahlung und die latente Fröhlichkeit, die Henry der Hund mit Henry dem Auswanderer gemeinsam hat. Ist aber egal, das ist eine Nebengeschichte.

Wie ich zu einem Hund gekommen bin, ohne das je im Leben zu wollen, ist auch eine andere Geschichte. Die schreibe ich jetzt aber nicht auf. Nur soviel: der Hund hat mich gefunden, nicht umgekehrt. Es gab einen Punkt, an dem war klar, dass ich ihn zu mir nehmen muss, egal wie wenig ich einen Hund haben will oder egal wie sehr ich allergisch auf Tierhaare reagiere.

Ich sehe mich nun Dingen ausgesetzt, die ich zutiefst verabscheue. Ich muss bei jedem Wetter vor die Tür. Ich trage dann "praktische" Kleidung und Schuhe mit Goretex. Örgs.
Das allein ist schon ziemlich blöd. Aber dann kommt das Zusammentreffen mit anderen Menschen, egal ob mit oder ohne eigenen Hund.
Mein Hund ist geradezu unerträglich niedlich, und das nicht nur, weil er noch ein Hundebaby von 14 Wochen ist. Ich befürchte, der Kerl bleibt süß, und das heißt, ich kann mich die nächsten Jahre auf eine unablässige Abfolge dämlicher Ereignisse einstellen.*
Eine Auswahl der beliebtesten Aussprüche und Handlungen:
  • Oh, ist der (die) niedlich. 
  • Was will das denn mal werden?
  • Den Hund zum Anspringen animieren - die will ich mal bei Regenwetter erleben, wenn er schöne Matschpfoten auf dem Hosenbein hinterlässt!!
  • Och, lauf mal wieder zu Frauchen. 
  • Oder ganz furchtbar: Geh zu Mama!
  • Ungebetene Ratschläge diverser Art zu Erziehungsmaßnahmen
  • Menschen bleiben stehen, verursachen beinahe-Auffahrunfälle, begrabbeln den Hund, machen Fotos von ihm, stopfen ihm Leckerlis ins Maul, .... 
(nein, das ist nicht übertrieben oder ausgedacht...)
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich auch in Zukunft immer gelassen und angemessen reagieren kann. Vielleicht peitsche ich irgendwann mal irgendeinen Passanten mit der Hundeleine aus. Oder hetze meinen wuscheligen Bluthund auf irgendwen.

Ich bin nicht "Frauchen". Ich bin bestenfalls der große Hund. Frauchen klingt nach grauer, haarspray-betonierter Dauerwelle und beigem Mäntelchen.

Mein Hund ist ein Köter, und ich hab ihn lieb, aber er ist kein Kindersatz. Als meine tatterige Nachbarin mal sagte "gehen sie mal vor mit ihrem Kind", meinte sie das sicher lieb - aber ganz ehrlich, Henrys Mama ist ein kleiner schwarzer Pudel. Und so sehr ich meinen Hund liebe: würde ich ein Gör mit Fell und vier Pfoten gebären, müsste ich mich vor Entsetzen vor einen Zug werfen. Oder so.
Ich bin immer noch kein Hundemensch. Ich bin nur Henrys Mensch, mit Haut & Haaren - aber ohne Pfoten.

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*Ich veröffentliche das erst jetzt, Henry ist heute 9 Monate und 4 Tage alt. Er ist immer noch unfassbar süß. Und bringt mich jederzeit dazu, zurück zu lächeln. (Was mich bisher auch davon abgehalten hat, Passanten zu hauen :)





Update Januar 2015.
Henry ist toll - auch ein bisschen neurotisch - und wahnsinnig niedlich, und furzt gelegentlich wie ein Elch. (So ein kleiner Hund und so ein Gestank). Der Umgang mit anderen Menschen mit Hund ist immer noch weitgehend doof, und inzwischen kennen wir so merkwürdige Erscheinungen wie "Dogwalker" und die "HuTa" (= Hundetagesstätte) und finden das nur begrenzt gut.
Aber selbst ein Mensch mit Hund zu sein, das macht das Leben einfach so viel besser. Frische Luft und Bewegung, und wenig Zeit für trübe Gedanken. Das macht alles dreimal wieder gut, was auf einmal umständlich ist oder die gewohnte Spontaneität einschränkt. <3

Montag, 21. April 2014

Paris sehen und saufen.


Bon voyage - und ein herzhaftes "Prost!"
Meine erste Reise mit AirFrance. Irgendwie habe ich es ja in meinem FTL-Dasein in einem früheren Leben geschafft, AirFrance hinreichend zu meiden. Nun aber bin ich als Beraterin ein wenig dem ausgeliefert, was der Kunde wünscht. Der Kunde wünscht die Buchung über sein Haus-und Hof-Reisebüro, und da bleibt wenig Spielraum für individuelle Wünsche. Die Verbindung nicht ideal, aber kurzfristig und dabei bezahlbar - ergo wird das so gebucht. 

Da war ich also mit niedrigen Erwartungen am Hamburger Flughafen in dieses französische Flugzeug gestiegen (nebenbei bemerkt ein Airbus, von dem ich sehr, sehr hoffte, dass die Technik nicht von französischen Ingenieuren gewartet wird). Check-in ohne meine geliebte Plastikkarte, dafür mit einem alphanumerischen Code und der freundlichen (sehr! freundlichen) Unterstützung des hübschen AirFrance Bodenpersonals. Bevor jetzt eventuell männliche Leser von „o lala, Colette ist wunderbar“ träumen: es war ein hübscher junger Mann :) ..WIE hübsch.. und: nicht schwul. Es gibt sie noch, Mädels!

Nach diesem freundlichen Reisebeginn war ich weiter unentspannt. Den Froschfuzzis kann man einfach nicht trauen. So saß ich dann auf meinem Platz (am Gang, ungefragt hat der freundliche Junge das prima gemacht) und warte. Sehe leicht angeranzte Sitzbezüge, abgewetzten Teppich und die altmodischen Uniformen der Crew. Da beugt sich ein weiteres AirFrance-Model zu mir und erklärt mir mit dem herzlichsten Lächeln unter dieser Sonne, dass ich an einem Emergency Exit säße und leider meine Tasche oben verstauen müsste. 
Wow. Also erstens: Wie schön, dass dem Bodenpersonal meine Länge und der Bedarf an Beinfreiheit aufgefallen war - und dass ich offenbar einen so fitten Eindruck mache, dass man mir zutraut, im Notfall erstens zu überleben und zweitens andere Passagiere auf die Luftrutsche hieven zu können. Und zweitens: Die Aufforderung, keine Taschen und Gedöns auf den Sitzen am Notausgang GEHT AUCH IN NETT! Mensch, AirFrance hat da richtig gepunktet. 

Aber nichts, was 2 Stunden Aufenthalt in CDG nicht prinzipiell zerstören könnten.. 
Schmutz und viele Franzosen. Die leider mitnichten alle so hübsch sind wie Bodenpersonal und Flugcrew meines großartigen AirFrance-Happenings von HAM nach CDG... 
Das alles geht eher in Richtung meiner langjährigen, gut eingeübten Vorurteile. Laut, schmutzig, potentiell rücksichtslos und unzuverlässig. Und sagte ich schmutzig? Ja klar, das liegt vor allem an den Franzosen, mit denen ich in der Vergangenheit beruflich zu tun hatte. Heute noch denke ich mit gewissem Ekel an die schwarzen Füße meiner französischen Kollegin C. Eine Woche Tokio - Tokio ist eine sehr staubige Stadt, und das weiß man, wenn man (wie sie) schon mal dort war - und sie hat die eine Woche inklusive Langstreckenflug mit einem Paar Schuhe „bewältigt“. Abgelatschte irgendwann-mal-weiße Sandalen mit kaputten Absätzen. Die Schuhe fand ich nicht schön und vor allem schrecklich kaputt. Dabei bin ich mir sicher, dass ihr Gehalt mal ein Paar neue hergegeben hätte. Mir hat sich das Bild der schwarz-grauen Füße mit Hornhautschrunden in diesen Gruseltretern fest in die Retina eingebrannt. C.'s Füße sind mir gedanklich das Synonym für die französische Auffassung von Körperpflege und Hygiene geblieben, und es macht mir immer noch Gänsehaut... 

Ach ja, damals… Aber da war ich nun wieder, mit zwei Stunden Aufenthalt im Labyrinth. Dieser Flughafen Charles-de-Gaulle (eben "CDG") ist furchtbar unübersichtlich. So verwirrend, dass ich aus einer der Damentoiletten am Terminal 2F erstmal nicht herausgefunden habe! 

Zu meiner fast grenzenlosen Verwunderung hatte ich bei der Ankunft Hunger - Appetit oder gar ein Magenknurren habe ich zur Zeit eher selten. Da ich versuchte, mich nicht allzu weit von der Zivilisation zu entfernen, bin ich in eines der nahegelegenen Schnellrestaurants gegangen und habe es wirklich geschafft, eine vegetarische Kleinigkeit aufzutreiben. Dazu bestellte ich mir nach kurzer Überlegung einen Wein. 
Ich dachte mir, hier ist Frankreich, da wo Gott angeblich wohnt wie er selbst. Und man im Geschäftstermin ohne weiteres auch Mittags das Trinken anfangen kann. In Deutschland undenkbar (finde ich übrigens total richtig), aber hier?  
Ich freute mich dann nicht nur über das getoastete Sandwich, sondern ganz besonders über meinen lauwarmen Rosé, der eine freundliche, auch irgendwie lauwarme rosa Sicht auf die Dinge um mich herum erlaubte… 

Das ist vielleicht das Geheimnis um den besonderen Zauber Frankreichs, das spezielle Flair von Paris.. Bisher ist ja beides komplett an mir vorbei gezogen. Ich bin ein Banause. Ich mag Frankreich nicht so besonders, auch nicht die angeblich dolle Küche. Im Gegenteil, den schlimmsten Fisch meines Lebens aß ich in Frankreich, das arme Tier gleich zweimal ermordet, erst beim Fischen und dann erneut vom talent- und lustlosen Koch. Auch die Sprache mochte ich noch nie sonderlich und hab' die mühevoll gepaukten Brocken aus vier Schuljahren ganz glücklich wieder vergessen. 

Aber da am Flughafen, in diesem fiesen, mülligen Schnellrestaurant, da habe ich es auf einmal verstanden. Wenn man so gaaaanz leicht angeschickert ist, dann ist schäbig nicht schäbig, sondern traditionsreich. Und gammelig ist charaktervoll. Oder so. Das macht Frankreich ganz geschickt, es verkauft das Saufen schon tagsüber als französisches savoir vivre, und man bemerkt einfach nicht mehr, was da vielleicht alles eklig, schmutzig oder unangenehm ist. Es war einfach mein Fehler, denn bisher war ich immer nur nüchtern in Frankreich zu Gast. 
Ganz cooles Marketing, so guerilla-mäßig mit word-of-mouth und so - und das schon seit Jahrhunderten! Nicht die Amis haben das Marketing erfunden, sondern die Franzosen. Die haben nicht nur schlechte Zahnärzte hier, sondern auch richtig schlaue Köpfe. R-E-S-P-E-C-T, ey. (Und: Kein Wein mehr für Frau Remmers.)



Samstag, 12. Oktober 2013

Die beige Brigade

Die "Beige Brigade", die Umschreibung für Senioren, die sich Turnschuhe mit Klettverschluss, Bundfaltenhosen, Westen und Baumwollhütchen aus der Farbpalette beige-grau bis kitt anschaffen. Das soll lustig-distanziert klingen. Mit humorvoller Nachsicht getränkt.

Irgendwie sind mir in der letzten Zeit wieder häufiger Kommentare über die "beige Brigade" aufgefallen, aber das Lachen darüber ist mir irgendwann mal abhanden gekommen. Obwohl der Ausdruck doch eigentlich ganz spaßig ist, kann ich mich nicht so richtig amüsieren. Stattdessen frage ich mich, was Leute dazu bewegt, so despektierlich von älteren Menschen zu sprechen.

Ja, ich teile die Beobachtung, dass diese merkwürdige Un-Farbe unter älteren Leuten offenbar ganz beliebt ist. Aber ich finde das nicht schlimm. Ich störe mich auch nicht an dicken Frauen in Leggings oder Midlife-Crisis-Typen mit Porsche und roten Hosen - Ok: meistens. Klar hab ich meine bösartigen Momente, in denen mir fiese Kommentare entfleuchen... und wie fies!! - aber obwohl die Lästerei über andere so menschlich ist, frage ich mich inzwischen, was denn so besonders schlimm an dem Beige ist. Ich hab da so meinen Verdacht. Ich glaube, es ist die Furcht davor, wohin der Weg noch führt.

Der coole Biker, mit dem ich auf Facebook "befreundet" bin, und der längst mehr graue als schwarze Haare auf seinem Profilbild ausweist: der fragt doch nicht wirklich, warum die ganzen Rentner in Beige herumrennen. Der fragt sich eigentlich selbst, ob er nicht auch irgendwann die Vorzüge von Klettverschluss-Turnschuhen entdeckt. Und ob er mit 80 noch in schwarzem Leder herumlaufen will.

Wie wollen wir altern? Wer werden wir sein, wenn wir alt sind. Wie ist denn überhaupt dieses "Alt-sein".

Ich bin ja selbst keine 20 mehr, und in meinem Umfeld sind die meisten Menschen eben auch nicht mehr ganz so frisch. Da fällt die Frage "warum tragen die alle beige" inzwischen häufiger. Ich kann das irgendwie verstehen. Denn auch wenn ich nicht mehr 20, keine 30 mehr bin - ich fühle mich doch kaum anders. Klar hab ich meine Lebenserfahrung, die manchmal ganz hilfreich ist und vielleicht auch mal einen guten Rat abwirft. Aber insgesamt bin ich doch noch die selbe Dilettantin wie "damals". Ich übe leben, und das jeden neuen Tag.

Aber manchmal sehe ich aus dem Augenwinkel diese Frau im Spiegel, die ich erst auf den zweiten Blick als mich selbst identifiziere. Sie hat Lachfältchen um Augen und Mund, zwei tiefe Furchen auf der Stirn - sie sieht älter aus, als ich mich fühle. Das ist ein Vorgeschmack darauf, wie es mal sein wird, Freunde!
Irgendwann zeigt der Spiegel weiße oder graue Haare, Merkel-Hängebäckchen und einen krummen Rücken. Ich hab den Verdacht, dass sich das Spiegelbild innen drin immer noch nicht viel anders fühlen wird, auch wenn es vielleicht eine Krücke und Schuhe mit Klettverschluss braucht.

Manchmal denke ich diese Gedanken, wenn mir ein älterer Mensch auf der Straße entgegen kommt. Und dann lächle ich diesen Menschen so herzlich wie möglich an, denn vielleicht bin ich das irgendwann. Eine Lebensdilettantin im Faltenkostüm. Vielleicht in Beige, vielleicht in Schwarz. Das entscheide ich, wenn es so weit ist.


PS: Den passenden Soundtrack liefern die "Toten Hosen"... Graue Panther (vom Album "Auswärtsspiel").

Donnerstag, 1. August 2013

"Turtle Express" im Original


Die Nikon-Kampagne "I am" läuft ja schon eine Weile, ursprünglich mit der Sequenz "I am.. a turtle express" - kleine Katze hockt auf Schildkröte. 
Das hier ist ein Schulgelände in Hamburg. Auch ein "turtle express", fotografiert mit der Canon EOS M....  ^^