"Krebs ist scheiße"
Wenn jemand im Umfeld eine schlimme Nachricht bekommt - ob das nun Krebs ist, eine andere Scheiß-Krankheit, der Tod eines Angehörigen - dann ist Schweigen auch scheiße. Schweigen ist ganz häufig ein Zeichen von Hilflosigkeit und Angst, ja, das weiß ich auch. Angst, was falsch zu machen oder was blödes zu sagen.
Wenn jemand im Umfeld eine schlimme Nachricht bekommt - ob das nun Krebs ist, eine andere Scheiß-Krankheit, der Tod eines Angehörigen - dann ist Schweigen auch scheiße. Schweigen ist ganz häufig ein Zeichen von Hilflosigkeit und Angst, ja, das weiß ich auch. Angst, was falsch zu machen oder was blödes zu sagen.
Sozusagen "zum Glück" habe ich das aus der Nähe erlebt, bevor ich mich direkt damit auseinandersetzen musste. Meine damals allerbeste, liebste Freundin D. hatte auf einmal dieses Hühnerei-große Ding in der Brust. Und dann kurz darauf keine Brust mehr. Dazu konnte ich nicht ansatzweise was Intelligentes, Tröstliches oder Hilfreiches sagen. Es kann aber schon ziemlich ok sein, wenn man genau das zugibt.
Krebs (wie wahrscheinlich auch andere üble Krankheiten) zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Einfach so. Da ist nichts mehr wie vorher. Wut. Die Frage, hätt' ich was anders machen können - weniger dies, mehr das, vor allem mehr jenes! - man dreht sich eine Weile im Kreis.
Werde ich daran sterben.
Wann werde ich sterben.
Wie werde ich sterben.
Wie ist das so, das Totsein.
Das sind grundsätzliche existentielle Fragen, die normalerweise irgendwie im Hintergrund immer mitschwingen (zumindest bei den reflektierteren Existenzen unter uns), aber sie nehmen selten allen verfügbaren Raum ein. Krebs macht das irgendwie unmittelbarer. Da gibt's auf einmal kein Entrinnen mehr, Du kommst da nicht mehr raus aus der Nummer.
Du stehst vor einer Felswand, die irgendwo oben in den Wolken verschwindet. Und dann ist da nix, kein Vorbei und kein Zurück.
Meine alte Freundin T - nach über 20 Jahren wiedergetroffen, mich wie bekloppt gefreut - wird wahrscheinlich an diesem Dreck sterben, möglicherweise sogar ziemlich bald. Sie ist müde, weil der Krebs nach vielen Jahren ganz unerwartet und so heftig zurück gekommen ist.
Und ich bin wütend, ich möchte dem Krebs in den Arsch treten. Aber das geht nicht. Ich weine, aber ich versuche, das mit mir und nicht mit ihr abzumachen. Denn die Tränen helfen ihr nicht, und kaum etwas ist beschissener, als die anderen trösten zu müssen, wenn du eigentlich selber dran bist.
Totsein dauert so verdammt lange, da sollte man doch die verbleibende Zeit LEBEN mit Leben füllen. Ist nur nicht so ganz einfach, wenn man vor dieser unendlichen Felswand steht.
Es ist vielleicht schon eine ganz gute Idee, da niemanden allein stehen zu lassen. Lasst euch anschreien, lasst euch beschimpfen, ruft auch das 10. Mal noch an, wenn keiner rangeht. Redet Blödsinn, egal. Aber denkt daran, wen ihr vor euch habt. Engelsbildchen, sinnlose Sinnsprüche, angebliche Wunderheiler, speziell gefiltertes Kristallwasser und sonstiger Scheiß: die meisten Leute finden sowas daneben. Wenn euch das was gibt, tut der Welt einen Gefallen und behaltet es für euch.
Ich muss auch meiner Wut auf die Pressekollegen mal kurz freien Lauf lassen. Wenn sie mal wieder irgendeine Promi-Else loben, wie "tapfer sie dem Brustkrebs die Stirn bietet" oder ähnlicher Scheiß. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass jede/r Betroffene gar keine Wahl hat. Der Krebs wählt dich, nicht umgekehrt. Und dann musst du da durch. Irgendwie. Und tapfer ist dabei eigentlich keine/r. Du stellst dich einem Kampf, den du dir nicht ausgesucht hast, sondern musst halt. Irgendwie weitermachen, in der Hoffnung, wieder gesund zu werden oder wenigstens weiter zu leben.
Tapfer ist da niemand. Tapfer am Arsch.




