Der Rockstar der Frauenbewegung
October 18 2011, 2:06 PM
[FOTO von Frau Schwarzer ENTFERNT - Danke, DSGVO...]
Publikum: Sehr viele alte Damen, schätzungsweise um die 70 und älter, viele Frauen über 50 - und doch überraschend viele junge Frauen, auch junge Mädchen, waren dort. Männer waren anwesend - einige -, aber deutlich in der Unterzahl. Das überrascht nicht unbedingt.
Was mich jedoch schon etwas gewundert hat: Auf der Bühne waren es insgesamt dreiMänner, die neben ihr eine Rolle spielten. Zwei, die sie angekündigt und kurz "vorgestellt" haben (man möge mir vergeben, dass ich die Namen vergessen hab - einer war sicher vom Verlag Kiepenheuer & Wisch, einer vom Literaturhaus Hamburg).
Und dann im Anschluss an die Lesung das Gespräch mit einem überforderten und nicht gut vorbereiteten Dominik Wichmann. Persönlich hätte ich mir vielleicht einen anderen Gesprächspartner gewünscht. Ohne Dr. Wichmann nahe treten zu wollen: die Geschichte der Frauenbewegung ist nicht seine Sache - er ist möglicherweise etwas zu jung. Auch hatte er das Buch bestenfalls quer gelesen. Das ist irgendwie schade, denn bei den richtigen Fragen ist Alice Schwarzer so wunderbar lebendig und funkelnd! (Herr Wichmann hat ja nicht nur Käse gefragt, die letzte Frage etwa war toll. Aber er hätte die eine oder andere nicht fragen brauchen, dafür an anderen Stellen anders nachfragen.)
Und dann im Anschluss an die Lesung das Gespräch mit einem überforderten und nicht gut vorbereiteten Dominik Wichmann. Persönlich hätte ich mir vielleicht einen anderen Gesprächspartner gewünscht. Ohne Dr. Wichmann nahe treten zu wollen: die Geschichte der Frauenbewegung ist nicht seine Sache - er ist möglicherweise etwas zu jung. Auch hatte er das Buch bestenfalls quer gelesen. Das ist irgendwie schade, denn bei den richtigen Fragen ist Alice Schwarzer so wunderbar lebendig und funkelnd! (Herr Wichmann hat ja nicht nur Käse gefragt, die letzte Frage etwa war toll. Aber er hätte die eine oder andere nicht fragen brauchen, dafür an anderen Stellen anders nachfragen.)
Doch bevor ich versuche, das Gespräch mit Dominik Wichmann zu rekapitulieren, noch ein paar Worte zu ihrer Lesung - und einige persönliche Gedanken.
Was mir in den ersten beiden Dritteln ihrer Autobiografie fehlte (so weit hatte ich vorher gelesen, siehe auch hier), hat sie während dem Buch der Lesung mit Macht und Nachdruck eingehaucht. Leben! Alice Schwarzer strahlt eine Wärme und Herzlichkeit aus, die ihre Kritiker wohl nicht vermuten würden. Oder - sie fürchten sie. Diese Person wirkt ganz genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Präsent und wach und mit einer großen Leidenschaft erfüllt - die Leidenschaft umfasst auch die Liebe zum und Freude am Leben. Wahrscheinlich könnte sie sonst auch gar nicht die Kraft schöpfen, immer wieder für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einzutreten. Sich ein Leben lang dem Kampf zu stellen und immer wieder übelste Anfeindungen zu ertragen, das kostet Energie, das kostet wahrscheinlich auch Freundschaften. Es macht einsam und erschöpft.
(Umso mehr habe ich Alice Schwarzer immer bewundert, wenn ich ihre Haltungen auch nicht immer verstehen oder vertreten konnte. Meinen Respekt hatte sie immer. Und ich habe mich schon sehr lange nicht mehr so gefreut wie an diesem Abend, über diese Begegnung.)
Man merkt Alice Schwarzer an, dass die Vergangenheit mit all den Missverständnissen und Bösartigkeiten nicht spurlos an ihr vorüber gegangen ist. Dass sie, deren mächtigster Antrieb das Streben nach Gerechtigkeit ist, soviel Ungerechtigkeit erfahren hat: das hat sie offensichtlich auch immer wieder leiden lassen, manchmal verhärten lassen - nach aussen. In der Lesung ihres Buches wird klar, dass sie sich vieles nach innen bewahrt hat. Sie muss eine große innere Stärke besitzen und - wie schon erwähnt - über positive Kraftquellen verfügen, mit denen sie immer weiter gehen kann.
(Umso mehr habe ich Alice Schwarzer immer bewundert, wenn ich ihre Haltungen auch nicht immer verstehen oder vertreten konnte. Meinen Respekt hatte sie immer. Und ich habe mich schon sehr lange nicht mehr so gefreut wie an diesem Abend, über diese Begegnung.)
Man merkt Alice Schwarzer an, dass die Vergangenheit mit all den Missverständnissen und Bösartigkeiten nicht spurlos an ihr vorüber gegangen ist. Dass sie, deren mächtigster Antrieb das Streben nach Gerechtigkeit ist, soviel Ungerechtigkeit erfahren hat: das hat sie offensichtlich auch immer wieder leiden lassen, manchmal verhärten lassen - nach aussen. In der Lesung ihres Buches wird klar, dass sie sich vieles nach innen bewahrt hat. Sie muss eine große innere Stärke besitzen und - wie schon erwähnt - über positive Kraftquellen verfügen, mit denen sie immer weiter gehen kann.
Mit Berechtigung legt sie auch heute noch und wieder den Finger in die Wunde. Diskriminierung und Herabwürdigung von Farbigen, Muslimen, Behinderten: dagegen gibt es Gesetze, dafür gibt es eine Öffentlichkeit. Frauen sind noch immer nicht dort angekommen. Im Gegenteil. Es hat eine Rückwärtsbewegung eingesetzt, die uns nach vielen Schritten vorwärts wieder zurückgeworfen hat. Über die Diskussionen zur PID schleichen sich durch die Hintertür wieder Begriffe und Denkweisen von vorvorgestern ein. Noch ein paar Schritte weiter, und die Frauen liegen wieder blutend auf den Tischen von "Engelmacherinnen", weil das ungeborene Leben so ungeheuer schützenswert ist, dass den Frauen das Recht auf den eigenen Körper und das eigene Leben verweigert wird. - Im Übrigen mit Zustimmung von vielen Frauen aus den verschiedenen Parteien.
In der letzten Zeit hörte ich über Alice Schwarzer immer mal wieder Kommentare wie: "sie ist so besonders hart und streng im Urteil über Frauen." - "Sie ist mit Männern viel versöhnlicher." - "Sie hat an den SPD-Frauen nie ein gutes Haar gelassen."
Durchaus mit Recht, wenn man mich fragt. Von Frauen kann und muss man mehr erwarten. "Wir" sind es, die etwas wollen! Nämlich das Recht auf eigene Entscheidungen. Das beinhaltet beispielsweise das Recht auf die Entscheidung, eine Hausfrau und Mutter sein zu wollen. Aber es beinhaltet auch das Recht, Vorstandsvorsitzende oder Kanzlerin sein zu wollen. Den Männern kann man weniger Vorwürfe machen, dass sie einen für sich und ihresgleichen vorteilhaften Status Quo erhalten wollen. Warum die Bequemlichkeit aufgeben? Es sind heute genauso wie früher auch die Frauen, die den Frauen im Weg stehen.
Durchaus mit Recht, wenn man mich fragt. Von Frauen kann und muss man mehr erwarten. "Wir" sind es, die etwas wollen! Nämlich das Recht auf eigene Entscheidungen. Das beinhaltet beispielsweise das Recht auf die Entscheidung, eine Hausfrau und Mutter sein zu wollen. Aber es beinhaltet auch das Recht, Vorstandsvorsitzende oder Kanzlerin sein zu wollen. Den Männern kann man weniger Vorwürfe machen, dass sie einen für sich und ihresgleichen vorteilhaften Status Quo erhalten wollen. Warum die Bequemlichkeit aufgeben? Es sind heute genauso wie früher auch die Frauen, die den Frauen im Weg stehen.
Ich habe es geahnt, das Lesen und das Zuhören haben mich in meinem Glauben bestärkt: Alice Schwarzer ist in ihren Standpunkten erfrischend wenig dogmatisch - was ihr wohl immer wieder von Anhängerinnen der "reinen Lehre" vorgeworfen wurde. Z.B.: Als linke Journalistin anzuerkennen, dass eine konservative Politikerin (Merkel) durchaus parteiübergreifendes Vorbild für die Frauen im Allgemeinen sein kann: Chapeau, über diesen Schatten springen nicht viele.
Frauen brauchen heute wieder eine Stimme. Die Frauenbewegung ist in der Öffentlichkeit überwiegend eine historische Fussnote, zu viele lassen sich einlullen von dem, was "wir" angeblich schon alles "erreicht" haben. Es ist an dieser Stelle auch eine Frage wert, warum heute, am Tag nach dieser großartigen, sehr gut besuchten Lesung, KEIN Bericht darüber erschienen ist. Kein Hamburger Abendblatt, keine taz, ... Es sieht wieder dunkel aus für uns, Mädels!
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Das Gespräch mit Dominik Wichmann
(ACHTUNG - es handelt sich um ein Gedächtnisprotokoll / eine Nacherzählung! Das Gespräch zwischen Wichmann und Schwarzer ist sinngemäß nacherzählt.)
Wichmann = DW, Schwarzer = AS
Wichmann = DW, Schwarzer = AS
DW: Eine Frage, die sich einfach aufdrängt - warum jetzt? Konnten Sie die Biografie möglicherweise jetzt schreiben, weil es in den letzten Jahren ruhiger um Sie geworden ist?
AS: Es ist ja nur eine scheinbare Ruhe. So bald ich wieder etwas tue, mich einmische, geht alles wieder los. Ich fand es an der Zeit, die Geschichte der Frauenbewegung zu erzählen, und das läuft einfach sehr parallel zu meiner Geschichte. (Zu einem früheren Zeitpunkt stand der Schutz des Privatlebens noch mehr im Vordergrund.)
Meine Anmerkung: Es ist ja nur ruhig, weil so jung-dynamisch-erfolgreiche Männer die Frauenbewegung nicht mehr ernst nehmen. Weil sie meinen, wenn sie eine Akademikerin geheiratet haben (die dann mit den Kids zuhause bleibt und ihre Hemden aus der Reinigung holt), sind sie doch eigentlich tolle Frauenversteher und ganz emanzipiert, weil die Haus-Akademikerin das doch selbst so will - auch die stehen der Gleichberechtigung im Weg. Siehe Frau Schröder und ihresgleichen.
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DW: Die unauthorisierte Biografie von Bascha Mika, taz-Redakteurin, wo liegt der Unterschied zu Ihrem Buch?
AS: Sie hat nie mit mir gesprochen, erst ganz kurz vor der Veröffentlichung und wohl weil der Verlag sie dazu gedrängt hat. Das Buch besteht aus Klischees und Mutmaßungen, es beinhaltet daneben auch den Versuch, mich zum Outing zu zwingen. "Das Buch von Bascha Mika war keine Biografie, sondern eine Polemik über mich."
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DW: Es gab ja zwei lange Phasen in Frankreich. Worin liegt der Unterschied zwischen dem ersten Aufenthalt und dem zweiten? Was ist so besonders - Sie schreiben so eindrücklich "Ich weiß: Das ist das Ende meiner Jugend" (München 1964)
AS: Lange wusste ich ja nicht, was ich tun will. Es gab ein Schlüsselerlebnis mit dem Freund meines damaligen Freundes, der auf der Münchner Journalistenschule war. Nach einem gemeinsamen Abend lag ich die halbe Nacht wach, weil ich mich so geärgert habe. Ich hatte doch immer die besten Aufsätze geschrieben, das war es, was ich tun wollte! Doch ohne Abitur schien der Weg schwierig. So entschloss ich mich, eine Sprache zu lernen und dafür nach Paris zu gehen. Ich habe also 350 Mark gespart, und mich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus München abgesetzt.
Meine Anmerkung: Was Alice Schwarzer so freundlich umschreibt, ist der Befreiungsschlag - heute würde man den Mann, den sie in München zurückließ, als Stalker bezeichnen. Sie hat sich davon befreit, und sie hat sich sehr nachdrücklich entschieden, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Der zweite Paris-Aufenthalt war sehr viel freier und weniger getrieben, wenn man ihren Beschreibungen im Buch folgt.
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DW: Sie beschreiben die Unterschiede zwischen der deutschen und der französischen Frauenbewegung. Da gibt es eine wunderbare Schilderung aus Ihrer Zeit in Berlin mit dieser "Regula". Gibt es die Regulas noch immer?
AS: Nein, die gibt es so nicht mehr. Sie sprachen ja im Namen des Kollektivs und der "Basis" - und das Kollektiv gibt es nicht mehr.
Die französische Frauenbewegung war sehr heterogen, bestand aus Arbeiterinnen, Künstlerinnen, Studentinnen gleichermaßen, die alle durcheinander geredet haben. Wer eine Idee hatte, versuchte einfach, die Vorrednerin zu übertönen. In Deutschland habe ich dann "Geschäftsordnungsanträge" kennengelernt.
Die französische Frauenbewegung war sehr heterogen, bestand aus Arbeiterinnen, Künstlerinnen, Studentinnen gleichermaßen, die alle durcheinander geredet haben. Wer eine Idee hatte, versuchte einfach, die Vorrednerin zu übertönen. In Deutschland habe ich dann "Geschäftsordnungsanträge" kennengelernt.
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(Nun wird es etwas kritisch, und ich hoffe sehr, dass ich es einigermaßen wiedergeben kann:)
DW: Fragt, warum sie sich für die Kachelmann-Berichterstattung in BILD entschieden hat.
AS: Nun, nach wie vor halte ich den Fall für sehr bedeutsam, diese vorweggenommene Provinzposse des Falles Strauss-Kahn. In anderen Ländern sind Verbrechen gegen Frauen Hassverbrechen. In anderen Ländern gibt es gar keine Diskussion darüber, dass ein Opfer auch nach 11 Jahren Beziehung möglicherweise vergewaltigt worden sein kann.
Kein Stern, kein Spiegel, kein anderes Leitmedium hat mir die Berichterstattung angeboten. BILD hat es angeboten. Es ist wichtig, und wir haben dazu in der aktuellen EMMA eine Untersuchung veröffentlicht. Welche Mechanismen, welche Strukturen halten Opfer davon ab, Gehör zu finden.
Kein Stern, kein Spiegel, kein anderes Leitmedium hat mir die Berichterstattung angeboten. BILD hat es angeboten. Es ist wichtig, und wir haben dazu in der aktuellen EMMA eine Untersuchung veröffentlicht. Welche Mechanismen, welche Strukturen halten Opfer davon ab, Gehör zu finden.
DW: (legt nach, will provozieren?) Wie passt das zusammen, Sie haben einerseits die "PorNO"-Kampagne initiiert, dann auf der anderen Seite aber BILD-Werbung gemacht.
AS: (flippte aus! wunderbar zu hören und zu sehen, hier ist wirklich "Musik" drin) Die zuständige Springer-Mitarbeiterin hat mich angerufen und mir davon erzählt. Und meine Güte, es war eine Image-Kampagne, bei der ich in einer Reihe mit großen "Querdenkern" wie Gandhi, Einstein, Brandt gezeigt wurde. EMMA braucht natürlich auch ein etwas Öffentlichkeit. Und schliesslich gibt sicher Schlimmeres, als mit Gandhi etc. in einer Reihe genannt zu werden. Und es geht mir so auf die Nerven! Das war vor fünf Jahren, und ich habe so viele Dinge getan, so viele tapfere Dinge, und ihnen allen fällt nichts Besseres ein, als mich immer wieder nach dieser einen Sache zu fragen. Bin ich denn so perfekt, dass man mir nach fünf Jahren noch immer diese eine Frage stellen muss, nur diese? Gibt es wirklich nichts anderes?
(Das Gespräch dreht in Richtung stern, kann nicht mehr genau die Argumentationskette nachvollziehen:)
AS: Sie werfen mir Kollaboration mit BILD vor, dabei weiß jeder, der das Blatt in die Hand nimmt, Bescheid. Da gibt es eine Nackte auf Seite eins, und jeder erwartet das. Aber der stern, ein eigentlich seriöses Nachrichtenmagazin, bringt regelmäßig diese unglaublich pornografischen Modestrecken, unter dem Deckmäntelchen von Kunst und Ästhetik.
DW: Sie haben uns dann ja auch verklagt.
AS: Ja, wir haben damals hier in Hamburg geklagt, mit den Anwältinnen (nennt Namen). Wir wussten, dass wir verlieren würden, aber es ging um etwas anderes. Wir wollten den Sexismus öffentlich machen, und es war eigentlich ein Kompliment an den stern. Für die Klage wollten wir ein normales, ernsthaftes Medium wählen.
(Sie erzählt dann von dem Prozess, in dem es kein Urteil geben konnte, weil es kein Gesetz gibt, was das Gericht anwenden könnte. Der Anwalt von Henri Nannen erscheint vor Gericht - verspätet - und schüttet einen Kübel voll Verbal-Müll über der klagenden Partei -den Frauen- aus. AS beschreibt, wie sie ihre Mitschrift seiner ekelhaften Anzüglichkeiten einfach nochmal vorgelesen hat, ganz ruhig, mit ihrer eigenen Stimme. Da habe die Gegenseite moralisch verloren, und dennoch habe der Richter den stern freisprechen müssen, aus Mangel an anwendbaren Gesetzen, so Schwarzer. Es gäbe bis heute !! keine entsprechenden Gesetze gegen die herabwürdigende Darstellung von Frauen. Ausländer, Juden, Behinderte, - alle werden geschützt. Nur Frauen nicht.
Das Gespräch dreht auch nochmal in Richtung §218, dem stern-Titel "Wir haben abgetrieben!". Etwas unangenehm: Herr Wichmann übersieht, dass zwischen diesem spektakulären Titel und dem Prozess fast 10 Jahre liegen.
Auch die Abstimmung über den §218 war kurz Thema: Mehr als 80% der Bevölkerung war inzwischen gegen diesen Paragraphen, dennoch stand die Abstimmung auf wackligen Füßen. Brandt, der gegen die Abschaffung war, verließ während der Abstimmung den Saal. Seine Frau erzählte Alice Schwarzer später, dass er, Brandt, sie als junge Frau zu einer Abtreibung gezwungen hatte. Hier im Gespräch mit Wichmann bezeichnet sie das als verabscheuungswürdige Bigotterie.)
Das Gespräch dreht auch nochmal in Richtung §218, dem stern-Titel "Wir haben abgetrieben!". Etwas unangenehm: Herr Wichmann übersieht, dass zwischen diesem spektakulären Titel und dem Prozess fast 10 Jahre liegen.
Auch die Abstimmung über den §218 war kurz Thema: Mehr als 80% der Bevölkerung war inzwischen gegen diesen Paragraphen, dennoch stand die Abstimmung auf wackligen Füßen. Brandt, der gegen die Abschaffung war, verließ während der Abstimmung den Saal. Seine Frau erzählte Alice Schwarzer später, dass er, Brandt, sie als junge Frau zu einer Abtreibung gezwungen hatte. Hier im Gespräch mit Wichmann bezeichnet sie das als verabscheuungswürdige Bigotterie.)
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DW: Bei all Ihrer Verbundenheit mit Frankreich, wie kommt es, dass Sie das Buch nicht in Frankreich geschrieben haben?
AS: Über die Jahre bin ich in Köln hängen geblieben und habe darüber Frankreich auch ein wenig verloren. Doch ich bin dabei, es nach und nach für mich zurück zu erobern.
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DW: Wie steht es um die Zukunft der EMMA, wie gehen Sie mit der Nachfolgefrage um, nachdem ein Versuch in der Vergangenheit gescheitert ist? Kann neben Ihnen niemand existieren?
AS: Ich bin so alt, mache das schon so lange, glauben Sie ernsthaft, ich hätte noch Lust daran, mir Korrekturfahnen vorzunehmen oder Artikel auf Lesbarkeit zu prüfen? Ich bin ja alles in einer Person, Verlegerin, Herausgeberin, ich kann schreiben und tun, was ich will. Glücklicherweise liegt die Last der EMMA inzwischen auf vielen fähigen Schultern-
Anmerkung: Man merkt, sie weicht ein wenig aus. Die Nachfolge bleibt natürlich schwierig - eine ähnlich charismatische, begeisternde Figur wie Alice Schwarzer fehlt einfach. Als intelligente Frau und nach so vielen Jahren in mitten von Politik und Intrigen weiß sie das sicher genau und kennt die Gefahren für das Medium EMMA.
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DW: Schreiben ist ja ein Prozess, der häufig auch der Klärung dient und bei dem man etwas lernt. Was haben Sie beim Schreiben über Alice "gelernt?
AS: Ich habe es genossen, mich zu erinnern und zurück zu blicken. Mir sind Dinge und Strukturen aus der Kindheit im Rückblick viel klarer geworden. Es hatte alles eine Ordnung. Die besondere Rolle der Großeltern - die haben ja viel mehr Distanz, sind viel entspannter mit den Enkeln, weil sie sich nichts mehr beweisen müssen. Das ist mir in der Bedeutung für mein Leben klarer geworden. Der gütige und sanfte Großvater ("Papa"), der vor den Launen seiner Frau beschützt werden muss, im Gegensatz zur streitbaren, politischen Großmutter ("Mama") - eigentlich eine Umkehrung der klassischen Rollenverteilung. Meine eher geschwisterliche Beziehung zu Mama, die sich im "Exil" in Stadtlauringen irgendwann weigert, das Haus zu verlassen, so dass ich Dinge des täglichen Lebens erledigen muss. Schon als kleines Kind lerne ich dort, zwischen den Extremen zu vermitteln. Diese mühelose Bewegung zwischen Rand und Mitte (der Gesellschaft), das konnte ich schon damals, und das hat mich mein Leben lang begleitet.
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In ihrer Lesung und auch im Gespräch mit Dominik Wichmann legte Alice Schwarzer Wert darauf, dass die Frauenbewegung Teil ihrer persönlichen Geschichte war - und sie ein Teil der Geschichte der Frauenbewegung. Sie war jedoch, nach eigenem Bekunden, nicht die "Gründerin" der deutschen Frauenbewegung. Im Gegenteil war sie als Journalistin und "working girl" über lange Zeit mehr eine aussenstehende Beobachterin. Die Bewegung war über weite Teile eine Studentenbewegung, zu der sie (als berufstätige Journalistin) nicht gehörte.
(Ich hoffe, dass ich das Gespräch so einigermaßen nahe am Gesagten nacherzählen konnte. Es ist mit guter Absicht und mit dem dringenden Wunsch geschrieben, nichts wegzulassen und nichts dazu zu erzählen, aber sicher dennoch unvollständig.)
Was für ein Abend. Ich habe mich sehr gefreut, Alice Schwarzer zu sehen und zu hören. Und ich - auch wenn ich mich wiederhole - bin von ihrer positiven, inspirierenden Ausstrahlung begeistert. Eine streitbare, diskussionswütige, intelligente, aber dennoch so freundliche und warmherzige Person.
Schade, dass ihre Autobiografie davon so relativ wenig zeigt. Ich kann wohl nachvollziehen, warum sie sich und ihr Leben auch irgendwie schützen muss, aber das Buch wird ihr einfach nicht gerecht. Es lebt erst, wenn man es sie erzählen und vorlesen hört. Vielen Dank, liebe Alice Schwarzer.
Schade, dass ihre Autobiografie davon so relativ wenig zeigt. Ich kann wohl nachvollziehen, warum sie sich und ihr Leben auch irgendwie schützen muss, aber das Buch wird ihr einfach nicht gerecht. Es lebt erst, wenn man es sie erzählen und vorlesen hört. Vielen Dank, liebe Alice Schwarzer.