Freitag, 22. Februar 2013

Über "Lebenslauf" von Alice Schwarzer - Oktober 2011


Halbzeit! Eine halbe Buchrezension.

Zur Zeit lese ich "Lebenslauf", das neue und - der Beschreibung nach - sehr persönliche Buch von Alice Schwarzer. Nur suche ich überwiegend vergeblich nach den persönlichen Elementen, und das bedaure ich sehr. 
Liebe Frau Schwarzer, Sie sind eine Ikone. Streitbar und umstritten, aber das gehört sich durchaus für eine Ikone. Ist das der Grund, warum ein kritisches Lektorat wohl ausgeblieben ist? 
Warum liest sich Ihr Buch über weite Strecken so leblos? Das wird Ihnen nicht gerecht! Mein langgehegter Verdacht bestätigt sich in und oft zwischen den Zeilen: Sie sind keinesfalls die verkniffene Männer- und Lustfeindin, die man Ihnen so gern auf den Leib dichtet.
Nein, Sie scheinen sehr wohl das Leben und die guten Dinge zu geniessen. Gutes Essen im Kreise von Freunden, hier und dort ein flottes Designerstück für den Kleiderschrank, Reisen und auch sonst! Doch nach diesen Eindrücken muss man suchen, weil Sie so seltsam distanziert von sich erzählen und über viele Seiten in eine Erzählung der Geschichte der Frauenbewegung verfallen. Diese läuft sicher parallel und prägend zu Ihrem Leben - aber ich hatte doch mehr auf die Person Alice gehofft! Sie blitzt auf, in den liebevollen Porträts von "Papa" Ernst Schwarzer und Bruno. Und den Schilderungen der frühen Freundschaften, etwa zu Barbara. Man ahnt, dass dieses Mädchen sensibel und ausgesprochen wach ist - und sich mit allem intensiv auseinandersetzt. 
Doch dann gehen Sie auf Distanz zu sich und den anderen Protagonisten. Wie bedauerlich ist der viel zu respektvolle Abstand zu Sartre und Simone de Beauvoir! Offensichtlich haben Sie Simone sehr gemocht, und auch zu Sartre ein interessantes Verhältnis gehabt. Und doch geht es kaum über das Beschreiben von Orten und Umständen hinaus. Himmel! Sie waren bei der ersten Begegnung mit Sartre ein dümmliches blondes Hühnchen im kurzen Röckchen - zumindest sahen Sie sich für peinvolle Momente so durch die Augen von Simone de Beauvoir. Es ist Ihnen nachgegangen, diese Begegnung. Doch haben Sie je mit Simone darüber gesprochen, gelacht? Hat sie sich bei den späteren Begegnungen daran erinnert? 
Auch die Stippvisite in Hamburg bei Röhl, dem "konkret"-Herausgeber und Mann von Ulrike Meinhof: die Beschreibung endet nach einer halben Seite in einer Sackgasse. Warum ist das erzählenswert? Röhl war ein Arsch, und Sie sind zu dieser Zeit dem "who is who" der linken Szene begegnet (wie Cohn-Bendit in Frankfurt, nach der Ausweisung aus Frankreich, den Sie "auf der anderen Straßenseite" schleichen sahen). -- Aber wollten Sie nur das erzählen? 
Oder wollten Sie ein weiteres Bausteinchen erzählen, warum es höchste Zeit für eine Frauenbewegung war? Weil die vermeintlichen Weltveränderer einzig zum Wohle und aus der Sicht von Männern die Gesellschaft umkrempeln wollten, und dieser Widerling Röhl im Luden-Dress (Pelzmantel) diesen Umstand so völlig überzogen verkörpert hat?
Manche Erzählstränge hängen einfach seltsam in der Luft, enden mit einem lapidaren diese(r) oder jene(r) wird "später eine gute Freundin / ein guter Freund werden". Und ich frage mich, was dort alles ungesagt bleibt. Welche Auseinandersetzungen, Zuneigungen oder sonstigen Erlebnisse Sie in diesen Momenten geprägt haben - denn irgendwas ist da jeweils, sonst lohnte sich die Erwähnung ja kaum. Nun, vielleicht laufen noch manche Stränge zusammen, ich bin ja erst zur Hälfte durch mit der Lektüre.
Und doch frage ich mich so zwischendurch, warum nicht eine strenge Lektorin für mehr Nähe und Dichte gesorgt hat! Wollte sich niemand daran wagen? Wollten Sie das nicht?
Oder wollen Sie lebende Personen schützen durch eine nüchterne, reduzierte Beschreibung? Fürchten Sie, liebe Frau Schwarzer, sicher nicht unberechtigt, wiederum Angriffe? (Mit persönlicher Munition, weil Sie Ihre sensiblen Erinnerungen darlegen) -- Dann war es zu früh für dieses Buch.
Ich bitte Sie sehr: Schreiben Sie irgendwann eine weitere Biografie. Oder lassen Sie schreiben, suchen Sie die Reibung mit einem Gegenüber - ich denke etwa an "Erzähl doch mal von früher" (Loki Schmidt), wobei der Interviewer so sorgfältig beobachtet und sehr liebevoll beschrieben hat. Ich würde das so gern lesen!