Lenin hat mal bei mir gewohnt, etwa 10 Jahre lang. Leider ist er mir bei einem meiner Umzüge abhanden gekommen, und ich gebe zu, er fehlt mir irgendwie.
Lenin war nur ein zerknittertes Poster mit kleinen Rissen und Klebefilm-Resten an den Ecken. Lenin in Öl oder so, als Poster in A2. - Nun war ich mitnichten Marxistin, Kommunistin oder sonstwas. Ich war eine seltsame Öko-Tante mit Jesuslatschen und Batik-Leggins und bestenfalls irgendwie diffus "links", wie so viele andere auch.
Nach einem privaten Desaster und geschmissenem Pädagogik-Studium war ich auf der Suche nach etwas möglichst Unpersönlichem. Diese Zeit war einer der Wendepunkte, die im Leben passieren. So kam ich über Zufälle und einen Ferienjob zu meinem Elektrotechnik-Studium und dem dafür notwendigen Grundpraktikum in der Lehrwerkstatt eines großen Konzerns.
Ich lernte in zwei Monaten Feilen, Löten und Schweißen - also zumindest solide Grundlagen. Ich habe Schaltschränke verdrahtet und Schraubendreher angeschliffen. Und nebenbei lernte ich auch etwas Trinkfestigkeit, fluchen wie ein Bierkutscher und mir irgendwie Respekt verschaffen - weil selbstverständlich in der Werkstatt ein Tittenkalender hing und schlüpfrige Sprüche bei den Gesellen an der Tagesordnung waren.
Dieses Praktikum zur Vorbereitung auf das E-Technikstudium habe ich in einer Gruppe absolviert, die sich aus ein paar seltsamen Gestalten zusammensetzte. Einer davon wurde auch später ein Kommilitone von mir - das war er allerdings im wahrsten Sinne, denn "Kommilitone" bedeutet ursprünglich "Waffenbruder": Der gute Stefan war Mitglied in einer schlagenden Studentenverbindung...
Solche Altmänner-Seilschaften gibt es ja immer noch, und sie funktionieren wohl auch heute noch.
Jedenfalls lud dieser Stefan die merkwürdige bunte Truppe in das "Verbindungshaus" ein, in dem er wohnte. Privilegien dieser Art wurden von den "alten Herren" finanziert - das sind Verbindungsbrüder, die schon von den Vorteilen der Seilschaft profitieren konnten und ihren Tribut an die Gemeinschaft zurückgeben. So oder ähnlich ist das wohl üblich in diesen Kreisen.
In diesem betreffenden Verbindungshaus gab es jedenfalls durchaus offene Abende. Auch welche mit "Damen". Ich hab mich nicht wirklich damenhaft gefühlt, bin aber mitgegangen, weil ich mir selbst ein Bild von dieser "Burschenschaft" machen wollte. Ich wollte wissen, ob meine Vorurteile stimmen, damit ich gegebenenfalls das "Vor-" weglassen kann: In meiner Vorstellung waren schlagende Verbindungen antiquiert, frauen- und ausländerfeindlich, und gehören in der politischen Einordnung auf die rechte Seite des Spektrums.
Ich habe dort vor allem eines gefunden: dumme Jungs auf der Suche nach Halt und Orientierung, deren Hauptinteresse schien, sich gegenseitig "aus der Pfütze" zu helfen. - Mit diesem Spruch wurden die Verbindungsbrüder zum Leeren des Glases genötigt, egal wie voll das Glas (oder der "Bruder").
Beim Besuch in diesem Haus ist mir dann Lenin begegnet. Er hing dort im ersten Stock auf der Gästetoilette!
Ein Revolutionär, jemand, der mit seinen Idealen und Visionen die Geschichte veränderte - und ein Haufen dumpfer Saufköppe (von denen kein einzelner auch nur einen ! originären Gedanken entwickeln konnte) hängt sein Portrait in einer Toilette an die Wand? Nicht witzig. Nur anstößig. Da habe ihn kurzerhand mitgenommen.
Man kann von den "Burschen" sonst viele böse Dinge sagen, aber sie behandeln (oder behandelten) Frauen mit einer antiquierten Höflichkeit, die mich zur Weißglut trieb: Ich rauchte damals noch, und habe es gehasst, wie man mir das Feuerzeug aus der Hand nahm, um die Zigarette zu entzünden. Ich unmündiges, ungeschicktes Dingelchen, ich?!! Aber in dieser Situation gereichte mir die Höflichkeit der Burschen zum Vorteil, denn sie haben es nicht gewagt, sich dem Wunsch der Dame (mir, haha!) zu widersetzen - und liessen mich mit Lenin vom Hof ziehen.
Lenin hat mich über viele Jahre daran erinnert, dass bei allem, was sich ändert, manche Dinge immer dieselben sind. Er hat mich daran erinnert, wer ich mal war, und dass man sich nur bis zu einem gewissen Grad verbiegen kann. Welche Werte auf Dauer zählen und dass man nicht aufhören sollte, Ideale anzustreben und Visionen zu entwickeln, auch wenn die Revolution (oder das Leben) manchmal nicht so gut läuft.
Tja, Lenin fehlt mir, und die Innentür meiner Wohnung fühlt sich ein bisschen leer an.
Leider fand ich nur dieses Bild mit Beschreibung, aber keine Bezugsquelle für so ein Poster.

